Posted on März 27, 2023
Die Magd und ihr Brüderlein
Es war einmal eine Magd. einfach im Geiste, aber von gutem Herzen. Die hatte ein Brüderlein, das sie gar innig liebte. Sie lebten in einem Dörflein das in der Umgebung stets nur „Katzdorf“ geheißen wurde, obwohl der eigentliche Name ein ganz anderer war. In dem Dorf gab es eine überaus große Anzahl an Haus- und Stallkatzen, die dem gar mächtig schadeten: Sie zerkratzten die Möbel und Türen, beschmutzten die Gemüsebeete und Blumentöpfe mit Unrat und miauten und maunzten tags und nachts dass es kaum auszuhalten war.
So kam es, dass die Bewohner von Katzdorf gar übel gelaunt, missgünstig und zänkisch wurden.
Die Magd verrichtete ihr Tagwerk fleißig, doch wurde sie oft gescholten von der Herrin des Hauses, die garstig war und auch von der Bürgermeisterin, die eine mächtige, aber missgünstige und übelgelaunte Frau war. Ihr Brüderlein half ihr so gut es konnte und hütete die Gänse und Wachteln und beschützte das Federvieh vor den Katzen des Dorfs mit seinem Stecken.
Als nun die Zeit der Rauhnächte zwischen Weihnachten und Dreikönig herankam ward es Brauch in Katzdorf, ein großes Feuer anzuzünden, um die bösen Geister zu vertreiben und das Jahr zu einem guten Abschluß zu bringen. Die Bürgermeisterin fürchtete aber, dass ein Feuer allein nicht genügen würde, um den Segen des Allmächtigen für das neue Jahr zu bringen. Eines Tages verkündete sie den Bewohnern von Katzdorf, dass sie beschlossen habe, dem Allmächtigen ein Opfer zu bringen, das größer sei als ein Haufen Holz und Pechspäne. Sie schritt im Dorf umher und warf ihre Blicke prüfend auf alles und jeden. Da sah sie eine prächtige junge Wachtel sitzen, die sie für geeignet hielt. Sie ergriff sie und steckte sie in einen Korb.
Das Brüderlein der Magd, den ihm gehörte die Wachtel, fing an zu greinen und zu weinen, doch die Bürgermeisterin lachte ihn aus und nahm die Wachtel fort.
Als nun der Abend des großen Feuers gekommen war, versammelten sich alle Bewohner und auch die Katzen auf dem Dorfplatz. Der Scheiterhaufen war größer als jemals zu vor, denn alle Bewohner hatten fleißig Holz in der Umgebung gesammelt und auch Brennholz aus ihren eigenen Vorräten dafür hergegeben. Als die Flammen bald lichterloh zum Himmel schlugen, nahm die Bürgermeisterin die Wachtel und wollte sie in das Feuer geben.
Da rannte das Brüderlein hinzu und wollte die Wachtel greifen und schlug die Bürgermeisterin mit seinem Stecken. Just wurde sie von einer großen Wut erfasst und sie griff das Brüderlein. Ihre Töchter eilten herbei und alle Katzen auf dem Platz stimmten ein großes Gefauche und Geheule an. Die Bürgermeisterin und ihre Töchter packten das Jüngelchen an allen vier Gliedern und zerrten ihn mitsamt der Wachtel zum Feuer. Dort rissen sie mit aller Gewalt an ihm, bis die Arme und Beine abgingen. Das Jüngelchen schrie, die Wachtel zeterte, die Katzen fauchten und die Dorfbewohner schrien wie toll. Die ganze Luft war von Blut erfüllt und rot. Dann wurden die Teile des Brüderchens und die Wachtel ins Feuer geworfen und der Rauch verdichtete sich noch und Asche und Blut wirbelten umher und setzten sich auf den Dächern der Häuser und den Köpfen der Menschen ab.
Da beschloss die Magd, Katzdorf für immer zu verlassen und nie wieder zu kommen und weinend rannte sie, so schnell sie ihre Beine trugen, davon.

